Nicht der, der wenig hat, sondern der, der mehr begehrt, ist arm. — Seneca
Ich gehe regelmäßig am Golfplatz spazieren, gleich hier in der Nähe. Auf dem Parkplatz stehen dann manchmal richtig dicke Karren - ein Ferrari, ein Porsche, dazwischen SUVs, die eher wie kleine Panzer wirken. Und jedes Mal spüre ich es ganz deutlich - dieses kurze Ziehen im Bauch, das sagt: das müsste ich auch haben. Nicht das Auto selbst. Das Gefühl dahinter.
Ich gehe weiter. Aber die Frage bleibt: Was genau habe ich da gerade gespürt? Und warum fühlt es sich wie Freiheit an, obwohl es genau das Gegenteil ist?
Was ein neuer Wagen wirklich verspricht
Das große Haus. Das geleaste Auto. Der Designeranzug. Alles wirkt wie ein Zeichen von Erfolg und Freiheit. Tatsächlich kaufst du damit oft das genaue Gegenteil: jahrelange Bindung durch Kredite, Raten, Verpflichtungen. Der Minimalist Joshua Fields Millburn nennt das treffend „falsche Freiheit" - Symbole, die Freiheit versprechen und Unfreiheit liefern.
Und hier wird es interessant: Wir glauben, wir wollen das schöne Auto oder das große Haus. Tatsächlich wollen wir etwas anderes - Bewunderung. Respekt. Materielle Dinge sind nur ein Ersatz für soziale Anerkennung.
Das Problem: Dieser Tausch funktioniert gleich dreifach schlecht. Die Aufmerksamkeit, die wir bekommen, hält nicht lange an. Sie gilt dem Objekt, nicht der Person. Und sie wirkt ausgerechnet bei den Menschen am wenigsten, deren Meinung uns eigentlich am wichtigsten ist - Familie, enge Freunde. Die schauen nicht auf dein Auto. Die schauen auf dich.
Wessen Respekt willst du eigentlich? Und was zählt für diese Menschen wirklich? Wer diese beiden Fragen ehrlich beantwortet, braucht meistens keinen protzigen Besitz mehr.
Warum wir trotzdem immer wieder reinfallen
Wenn das so offensichtlich ist - warum tappen wir dann ständig in dieselbe Falle? Weil drei Kräfte zusammenspielen, die sich gegenseitig verstärken.
Die erste ist Werbung. Schon in den 1920er-Jahren erkannte Edward Bernays, Neffe von Sigmund Freud, dass Kaufentscheidungen weniger durch rationale Argumente gesteuert werden als durch unbewusste Wünsche. Die Werbeindustrie hat dieses Prinzip seither verfeinert. Heute sind wir täglich tausenden Werbebotschaften ausgesetzt, die Bedürfnisse erzeugen, die vorher gar nicht existierten.
Die zweite Kraft sitzt in deinem eigenen Kopf. Unser Gehirn will nämlich keine Dinge - es will Dopamin. Und Dopamin entsteht nicht durchs Besitzen, sondern durchs Streben nach etwas Neuem. Deshalb schraubt sich das Wollen immer weiter nach oben: Das 10.000-Euro-Auto wird durch das 20.000-Euro-Auto ersetzt. Es gibt keinen Punkt, an dem „mehr" dauerhaft zufrieden macht. Aus dieser Schleife kann man nur aussteigen. Gewinnen kann man sie nicht.
Die dritte Kraft ist die, was der Autor Sahil Bloom die „gesellschaftliche Anzeigetafel" nennt. Sie misst nur, was sichtbar und vergleichbar ist: Geld, Status, Besitz. Deshalb optimieren wir genau darauf - auch wenn es uns eigentlich Wertvolleres kostet. Wer nur diese Anzeigetafel optimiert, gewinnt am Ende vielleicht das Geldspiel. Und verliert dabei sein Leben. Ein Pyrrhussieg.
Das Tückische daran: Diese drei Kräfte laufen nicht nebeneinander her. Sie treiben sich gegenseitig an. Werbung schürt den Vergleich. Der Vergleich füttert das Dopaminsystem. Das Dopaminsystem verlangt nach dem nächsten Kauf. Und der nächste Kauf verstärkt den Vergleichsmaßstab für alle, die zusehen.

Zwei Spiele, die du nicht verwechseln solltest
Es gibt noch einen Grund, warum dieses Spiel so zermürbend ist - und der liegt in seiner Struktur selbst.
Status ist nämlich ein Nullsummenspiel. Damit jemand aufsteigt, muss jemand anderes sinken. Wenn dein Nachbar den größeren Wagen fährt, sinkt relativ gesehen dein eigener Rang - auch wenn sich an deinem Leben objektiv nichts geändert hat.
Wohlstand dagegen ist ein Positivsummenspiel. Beide können gewinnen, weil neuer Wert entsteht. Wer spart, wer etwas aufbaut, wer lernt - der nimmt niemandem etwas weg. Im Gegenteil, oft entsteht dabei sogar etwas, von dem andere profitieren.
Das Problem ist die Verwechslung. Wer Nullsummendenken in einen Bereich trägt, der eigentlich Positivsumme ist, zerstört genau die Zusammenarbeit, die Wachstum erst möglich macht. Und wer glaubt, im Statusspiel mitzuspielen bedeutet automatisch, auch am Wohlstand zu arbeiten, verwechselt zwei völlig unterschiedliche Spiele mit völlig unterschiedlichen Regeln.

Deine eigene Anzeigetafel
Es gibt einen Ausweg, und er beginnt mit einer einfachen Unterscheidung: innere statt äußere Maßstäbe.
Der Segler Donald Crowhurst fälschte einst seine Weltumsegelung, um andere zu beeindrucken - und nahm sich das Leben, als die Wahrheit drohte aufzufliegen. Ein anderer Segler, Bernard Moitessier, gab dagegen einen sicheren Sieg auf, segelte einfach weiter nach Tahiti und schrieb nur: „Ich bin glücklich." Der Unterschied zwischen beiden ist nicht Talent. Es ist der Maßstab, nach dem sie gespielt haben. Crowhurst spielte nach außen. Moitessier nach innen.
Warren Buffett nennt das die „innere Anzeigetafel". Wer damit zufrieden ist, braucht keine Zustimmung von außen mehr.
Der zweite Baustein ist der eigene Genug-Punkt. Das schwedische Wort Lagom bedeutet „genau die richtige Menge" - und ist keine Aufforderung zur Bescheidenheit, sondern eine bewusste Entscheidung. Wer nicht selbst festlegt, wann genug genug ist, überlässt diese Entscheidung der Tretmühle. Und die verlangt immer ein bisschen mehr.
Und der dritte Baustein: Sparen ist kein Verzicht. Jeder gesparte Euro ist kein aufgeschobener Konsum, sondern ein Kauf von Freiheit - heute schon, nicht erst irgendwann. 500 Euro auf dem Konto bedeuten 500 Euro weniger Abhängigkeit von einem schlechten Chef, einer belastenden Situation, einer erzwungenen Entscheidung. Was die meisten Menschen wirklich von Geld wollen, ist nämlich nicht ein bestimmtes Haus oder eine bestimmte Zahl auf dem Konto. Es ist die Fähigkeit, morgens aufzuwachen und selbst zu entscheiden, was der Tag bringt.

Zurück zum Auto vor der Tür
Ich gehe immer noch regelmäßig am Golfplatz spazieren. Die dicken Karren stehen immer noch da. Das Ziehen im Bauch kommt manchmal noch. Aber es hält nicht mehr lange an.
Denn ich weiß inzwischen, was da eigentlich passiert: Nicht ich will dieses Auto. Meine gesellschaftliche Anzeigetafel will es. Und die darf ruhig ein bisschen kaputt bleiben, solange meine eigene funktioniert.
Falsche Freiheit ist käuflich. Echte Freiheit ist es nicht — sie ist eine Entscheidung darüber, an welchem Maßstab du dein Leben eigentlich misst. Was steht gerade auf deiner eigenen Anzeigetafel - und stammt es wirklich von dir?
(Wenn dich die Frage nach dem eigenen Genug-Punkt genauer interessiert: Ich bin ihr in „Genug haben: Warum die zweite Seite der Gleichung entscheidet" noch tiefer nachgegangen.)
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