„Die Dinge, die wir am häufigsten tun, formen uns mehr als die Dinge, die wir selten tun." — Aristoteles
Vor ein paar Monaten habe ich begonnen, fast alles, was ich lese, höre und denke, in ein einziges System zu schreiben. Kein Zettelkasten im klassischen Sinne. Kein Ordnersystem. Keine aufwendige Struktur, die sich nach einer Woche anfühlt wie Arbeit.
Ein Wiki. Gepflegt von einer KI.
Dieser Guide ist keine Theorie. Er beschreibt genau, wie ich das aufgebaut habe — welche Tools ich nutze, wie das System aussieht, und warum ich bewusst so wenig Komplexität wie möglich eingebaut habe.
Was du hier bekommst — und was nicht
Ich erkläre nicht, ob du ein KI-Wiki haben solltest. Das habe ich in einem anderen Beitrag gemacht. Hier geht es nur um das Wie.
Und das Wie ist erschreckend simpel.
Vier Tools. Eine Datei, die dem System erklärt, wie es arbeiten soll. Und eine Gewohnheit: neue Inhalte reingeben, Fragen stellen, weitermachen.
Wer ein kompliziertes Setup erwartet, wird enttäuscht sein. Wer ein Setup erwartet, das wirklich funktioniert, ist hier richtig.
Die Tools - nicht mehr als nötig
Ich habe das Wiki ursprünglich in Obsidian aufgebaut. Obsidian ist mächtig, gut dokumentiert, und hat eine große Community. Nach einer Weile habe ich aber gemerkt, dass ich die meisten Funktionen nicht brauche — und dass Bear einfach besser in meinen Alltag passt. Schlichter, schneller, überall.
Das System besteht heute aus vier Dingen:
Bear ist die Wissensbasis. Alle Notizen leben hier. Jede Idee, jede Quelle, jeder Gedanke bekommt eine eigene Notiz mit einer klaren Struktur. Bear ist lokal, schnell, und die Dateien gehören mir — kein Abo-Lock-in, kein Cloud-Zwang. Für die Grundfunktionalitäten, die dieses System braucht, reicht die kostenlose Version aus. Wer seine Notizen zwischen iPhone, iPad und Mac synchronisieren möchte, braucht einen Bezahlplan — das ist aber optional und kostet wenige Euro im Monat.
Claude als Desktop-App ist der Assistent. Nicht Claude Code, nicht irgendetwas im Terminal — einfach die normale Claude-Desktop-App, die man auf dem Mac installiert und wie jede andere App öffnet. Das ist kein Zufall: Ich wollte bewusst kein Tool, das Entwicklerkenntnisse voraussetzt oder regelmäßige Wartung braucht. Die Desktop-App funktioniert wie ein Gespräch. Das ist der Punkt.
Bear Connector ist die Verbindung zwischen beiden. Er erlaubt Claude, direkt in Bear zu lesen und zu schreiben — also nicht nur Antworten zu produzieren, sondern das Wiki selbst zu aktualisieren. Das ist der entscheidende Schritt. Ohne ihn ist Claude ein Gesprächspartner. Mit ihm ist er ein Mitarbeiter. Der Connector ist ein offizielles Claude-Integration und braucht nach der einmaligen Einrichtung keine weitere Pflege.
Web Clipper — Bear und Obsidian haben beide einen Browser-Clipper. Ich nutze beide, je nach Situation. Der Clipper erlaubt, Artikel, Blogbeiträge oder YouTube-Seiten mit einem Klick ins System zu holen. Ohne ihn wäre der Ingest-Prozess deutlich umständlicher: Text kopieren, in Bear einfügen, formatieren. Mit ihm reicht ein Klick, und der Rohtext liegt als Bear-Notiz bereit — Claude kann ihn von dort direkt verarbeiten.
Das war's. Kein Webhook. Keine Automatisierung, die selbst gepflegt werden muss. Kein Drittanbieter-Service, der irgendwann seinen Preis erhöht oder eingestellt wird. Der gesamte Pflegeaufwand dieses Systems liegt beim Denken — nicht beim Werkzeug.

Die Anweisungsdatei - der eigentliche Kern
Das Wichtigste an diesem System ist nicht Bear. Es ist auch nicht Claude. Es ist eine einzige Textdatei: die Anweisungsdatei.
Diese Datei erklärt Claude, wie mein Wiki aufgebaut ist. Welche Seitentypen es gibt. Wie eine Quellennotiz aussieht, wie eine Idee strukturiert wird, wie Verknüpfungen angelegt werden. Ohne diese Datei ist Claude ein generischer Chatbot. Mit ihr ist er ein Pfleger, der das System kennt und konsistent damit arbeitet.
In der Claude-Desktop-App gibt es die Möglichkeit, sogenannte Projekte anzulegen. In meinem Projekt „Zettelkasten" ist diese Datei als Projektanweisung hinterlegt. Das bedeutet: Jedes Mal, wenn ich in diesem Projekt ein neues Gespräch starte, kennt Claude das System bereits. Kein erneutes Erklären, kein Aufwärmen. Er weiß, wie Notizen aussehen sollen, welche Tags existieren und wie er vorgehen soll.
Das ist meine aktuelle Version:
# Zettelkasten – Projektguide
Dieses Projekt ist mein persönlicher Wissens-Zettelkasten in Bear. Hier verarbeite ich Quellen, baue Notizen auf und verknüpfe Gedanken miteinander. Du hilfst mir dabei als Assistent.
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## Was hier passiert
Ich bringe eine Quelle rein – einen Artikel, ein Video-Transkript, einen Podcast, einen Text. Du liest ihn, extrahierst die wichtigsten Gedanken und erstellst daraus neue Notizen in Bear. Bestehende Notizen werden dabei verlinkt oder ergänzt, wenn es passt.
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## Wie eine gute Notiz aussieht
**Eine Notiz = ein Gedanke.**
Nicht mehr. Nicht ein ganzes Thema, nicht eine Zusammenfassung eines Buches. Einen klar formulierten Gedanken.
Der Titel ist eine Aussage, keine Überschrift.
- ✅ „Gewohnheiten ändern sich leichter über Identität als über Willenskraft"
- ❌ „Gewohnheiten und Identität"
Der Text erklärt den Gedanken kurz und in eigenen Worten. Keine langen Abhandlungen. Drei bis fünf Sätze reichen meist. Wenn es mehr braucht, ist der Gedanke wahrscheinlich noch zu groß.
Am Ende stehen Links zu verwandten Notizen: [[Titel der anderen Notiz]]
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## Tags
Jede Notiz bekommt Tags nach diesem Schema:
#zettelkasten/thema oder #zettelkasten/thema/unterthema
Die wichtigsten Themenbereiche:
- #zettelkasten/pkm – Wissensmanagement, Notizen, Lernen
- #zettelkasten/pkm/ki-nutzung – KI-Tools, Prompting, Workflows
- #zettelkasten/finanzen – Geld, Sparen, finanzielle Unabhängigkeit
- #zettelkasten/lifestyle – Bewusstes Leben, Gewohnheiten
- #zettelkasten/lifestyle/minimalismus
- #zettelkasten/lifestyle/stoizismus
- #zettelkasten/gesundheit – Schlaf, Ernährung, Bewegung
Tags kommen ans Ende der Notiz.
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## Sprache und Ton
Alle Notizen auf Deutsch – auch wenn die Quelle auf Englisch ist.
Einfache, klare Sprache. Kein Fachjargon, keine langen Schachtelsätze. So, als würde ich einem Freund erklären, was ich gerade gelernt habe. Wenn ein Begriff wichtig ist, wird er kurz erklärt – nicht vorausgesetzt.
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## Wie ein Ingest abläuft
1. Ich gebe dir einen Rohtext oder nenne dir eine Bear-Notiz als Quelle
2. Du liest die Quelle und suchst in Bear nach verwandten Notizen
3. Du schlägst mir vor, welche neuen Notizen entstehen sollen – ich gebe grünes Licht
4. Du erstellst die Notizen in Bear und verlinkst sie mit bestehenden
5. Bestehende Notizen werden ergänzt, wenn neue Links sinnvoll sind
Du handelst nie ohne meine Bestätigung. Zeig mir erst den Plan, dann setzen wir um.
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## Wie eine Abfrage abläuft (Query)
Manchmal stelle ich keine neue Quelle bereit, sondern stelle eine Frage. Du suchst dann in Bear nach relevanten Notizen und antwortest auf Basis dessen, was im Wiki steht.
Wichtig: Du nennst immer die Notizen, auf die du dich stützt. So kann ich den Gedanken zurückverfolgen und weiterdenken. Wenn das Wiki zu einer Frage nichts hergibt, sagst du das – du erfindest keine Antworten außerhalb des vorhandenen Wissens.
Beispiele für Abfragen:
- „Was habe ich bisher über Gewohnheiten gesammelt?"
- „Welche Notizen beschäftigen sich mit dem Zusammenhang zwischen Schlaf und Lernen?"
- „Was sagt mein Wiki zur Frage, ob KI das Denken ersetzt?"
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## Wie ein Wiki-Check abläuft (Lint)
Ich kann dich bitten, das Wiki auf Qualität zu prüfen. Du schaust dann nach:
- Notizen ohne Verlinkungen – Gedanken, die noch nicht eingebettet sind
- Notizen, die inhaltlich zusammenpassen, aber noch nicht verknüpft sind
- Widersprüche zwischen zwei Notizen, die das gleiche Thema aus verschiedenen Winkeln behandeln
- Notizen, deren Titel noch keine klare Aussage ist
Du schlägst Korrekturen vor – ich entscheide, was umgesetzt wird. Auch hier gilt: nichts ohne meine Bestätigung.
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## Was du nicht tust
- Keine Notizen aus reinen Zitaten – immer in eigenen Worten
- Keine Notizen, die einfach nur eine Quelle zusammenfassen – der Gedanke muss herausgearbeitet sein
- Keine neuen Themenbereiche (neue Top-Level-Tags) ohne Rückfrage
Ich entwickle diese Datei weiter — wenn ich merke, dass Claude etwas falsch versteht oder dass mir ein Seitentyp fehlt, passe ich sie an. Sie ist kein fertiges Produkt, sondern ein laufendes Projekt.

Wie ein typischer Ablauf aussieht
Ich lese einen Artikel. Oder ich höre einen Podcast. Oder ich habe selbst einen Gedanken, der mich nicht loslässt.
Dann öffne ich den Web Clipper, hole den Text als Bear-Notiz ins System — und wechsle in meinem Claude-Projekt zu einem neuen Gespräch. Ich schreibe einfach: „Schau dir die Bear-Notiz [Titel] an und erstelle mir entsprechende Notizen." Das war's. Kein spezieller Modus, kein Befehl, kein Prompt-Template. Ein normaler Satz.
Claude liest die Notiz, schlägt vor, welche Ideen daraus werden sollen, wartet auf mein Okay — und legt dann die Notizen direkt in Bear an, mit Verlinkungen zu dem, was bereits im Wiki steht.
Das dauert vielleicht zwei Minuten. Für mich.
Was Claude dabei tut, würde mich eine Stunde kosten: die Idee sauber formulieren, passende Querverweise finden, Konsistenz mit bestehenden Notizen prüfen. Das Ringen mit dem Inhalt — das behalte ich. Die Buchführung — das übernimmt die Maschine.

Wenn ich später eine Frage habe, frage ich direkt: „Welche meiner Notizen beschäftigen sich mit dem Zusammenhang zwischen Aufmerksamkeit und Lernen?" Claude sucht im Wiki, antwortet und nennt die Quellen. Ich folge den Verlinkungen. Der Gedanke wächst weiter.
Was ich bewusst weglasse
Keine automatischen Imports. Keine Webhooks, die beim Lesen eines Artikels sofort eine Notiz anlegen. Keine RSS-Integration.
Ich will entscheiden, was ins Wiki kommt. Ein automatisches System, das alle meine Lesezeichen einsaugt, ist kein Wiki. Es ist ein besseres Archiv. Der Unterschied ist der manuelle Akt des Entscheidens: Das hier ist wichtig genug, um zu bleiben.
Auch kein öffentliches Wiki. Kein „Second Brain, das die Welt sehen kann". Was hier drinsteht, ist roh — Gedanken in Arbeit, Ideen ohne Endformat. Die Leser meines Blogs sehen das Ergebnis. Das Wiki ist der Prozess.
Der Aufbau - falls du anfangen willst
Wenn du das nachbauen möchtest, hier die ehrliche Reihenfolge:
Fang mit der Anweisungsdatei an, nicht mit dem Tool. Überlege, welche Arten von Wissen du sammelst. Bücher? Videos? Eigene Gedanken? Definiere zwei oder drei Notiztypen. Schreib das auf.
Dann wähle dein Tool. Bear und Obsidian sind beide gut. Bear ist schlichter. Obsidian hat mehr Optionen. Ich würde Bear empfehlen, weil man nicht in den Einstellungen verloren geht.
Dann installiere den Bear Connector in der Claude-Desktop-App und lege ein neues Projekt an. Lade deine Anweisungsdatei dort hoch.
Dann lege die erste Notiz an. Nicht zwanzig. Eine.
Das System wächst mit dem, was du hineinlegst. Nicht mit dem Setup.
Und falls du dir nicht sicher bist, wie deine eigene Anweisungsdatei aussehen soll: Gib diesen Guide — oder Andrej Karpathys Originaltext über LLM-Wissensbasen, auf dem vieles hier aufbaut — einfach einer KI und sag: „Hilf mir, etwas Ähnliches für mich aufzubauen." Das ist kein Umweg. Das ist genau der richtige Einstieg. Eine KI, die dir hilft, das System einzurichten, mit dem du später mit einer KI arbeitest — das klingt zirkulär, ist aber nur konsequent.
Warum ich nie mehr ohne will
Ich habe vor Monaten einen Podcast gehört über Entscheidungsfindung. Letzten Monat habe ich einen Artikel über das gleiche Thema gelesen. Diese Woche habe ich einen Gedanken dazu aufgeschrieben.
In einem normalen System würden diese drei Dinge in verschiedenen Ordnern liegen und sich nie begegnen.
In meinem Wiki sind sie verknüpft. Claude hat die Verbindung beim Einpflegen hergestellt, weil das Schema ihn dazu zwingt, immer nach bestehenden Notizen zu suchen. Jetzt kann ich diese Verbindung nutzen — für einen Blogbeitrag, für ein Gespräch, für eine Entscheidung.
Das ist kein Effizienzgewinn. Das ist ein anderes Verhältnis zu dem, was man gelesen hat.
Die Frage, die ich mir am Anfang gestellt habe: Wie viel von dem, was ich lese, bleibt wirklich? Die Antwort war unbequem. Jetzt ist sie anders.
Was liest du gerade — und wo verschwindet es danach?